Berlinale 2022 Film Kritik: "Shabu"

Berlinale 2022 Film Kritik: "Shabu"

Genre: Dokumentarische Form | Produktion: Niederlande 2021 | Laufzeit: ca. 75 minuten | Regie: Shamira Raphaëla | FSK: Empfohlen ab 12 Jahren | Im Programm der Berlinale Sektion Generation läuft zum ersten Mal am 14.02.22


Inhalt: Shabu singt und trommelt, tanzt und lacht, doch sein Herz ist schwer. Ausgerechnet seine geliebte Oma, das Oberhaupt der karibisch-niederländischen Familie, spricht nicht mehr mit ihm, seit er ihr Auto für eine Spritztour entführt und kaputtgefahren hat.

Anstatt den Sommer mit Musik und Videospielen zu verbringen, soll er jetzt arbeiten und Geld verdienen. Aber Eis verkaufen und Regale einräumen ist mühsam, langweilig und vernünftig und passt so gar nicht zu Shabu, diesem liebenswerten 14-Jährigen mit seinen großen Plänen und verrückten Ideen.

„I’m gonna be famous“: Shabu, so wie der Protagonist sich als Rapper nennen möchte, hat ordentlich Mist gebaut als er das Auto seiner Oma ohne Führerschein gefahren ist und dabei einen Blechschaden angerichtet hat.

Nun muss er seine Sommerferien damit verbringen, Wassereis in der Nachbarschaft zu verkaufen und, als das nicht reicht, noch im nächstgelegenen Supermarkt arbeiten. Dabei will er eigentlich nur Musik machen, denn er hat den Traum, eines Tages berühmt zu werden. Sein bester Freund fühlt sich genauso vernachlässigt wie seine feste Freundin. Dabei hat ein Tag nur 24 Stunden und davon muss Shabu schon eine ganze Menge für seine Mutter schuften.

Dann hat er die Ideen, in seinem Kiez, dem Sozialbaukomplex de Peperklip, eine große Party zu veranstalten, bei der er einen selbst geschriebenen Song performen möchte. Das bedeutet allerdings noch mehr Arbeit für ihn.

Die Kamera schafft Nähe

Die sehr spielfilmartige Teenager-Dokumentation hat zwar durch die Kameraführung schon einen starken dokumentarischen Stil, der aber auch immer wieder durchbrochen wird von Szenen, die wirken, als seien sie geschrieben worden. Es ist große Kunst, einen spannenden Dokumentarfilm zu erzählen, der so charismatische Teenager beinhaltet, welche vor der Kamera grandios funktionieren und fast wie Schauspieler wirken.

Deshalb wird er im Berlinale-Programm auch unter dokumentarischer Form geführt, statt direkt als Dokumentation aufgeführt zu werden. Die Kamera, welche immer nah an den Figuren ist, schafft ein intimes Gefühl, als ob man dazugehört und Shabu, seine Freunde und Familie, schon viel länger kennt.

In einigen Momenten herrscht jedoch durch einen unscharfen Vordergrund und einen scharfen Hintergrund leider ein Ungleichgewicht, das einen für einen kurzen Moment aus der Handlung reißt.

© Tangerine Tree

„Shabu“ hat starke cineastische Bilder für einen Dokumentarfilm

Für einen Dokumentarfilm hat „Shabu“ starke cineastische Bilder, welche kaum vermuten lassen wollen, dass die Figuren auf der Leinwand so existieren. Sie scheinen vielmehr wahnsinnig überzeugend Rollen zu spielen. Gleichzeitig schafft es Shamira Raphaëla, den Sozialbaukomplex, in dem Shabu lebt, als lebendigen, farbenfrohen und liebenswerten Mikrokosmos zu erzählen.

Es ist eine eigene kleine Stadt, der große Bau, in dem Shabu sowie seine Familie, Freunde und seine geliebte Oma leben. Dass die Regisseurin Shamira Raphaëla es einfach drauf hat, dokumentarisch zu erzählen, zeigt auch ihre Filmographie und die diversen Preise, die sie für ihre Dokumentationen bisher erhalten hat.

Die sommerlich heiße Atmosphäre wird durch die vielen gelb/orangefarbenen Töne in dem Klamottenstil von Shabu, aber auch in den Bildern vermittelt. Rhythmische Trommeltöne, welche den Film begleiten und etwas afrikanischen Sound in das niederländische Stadtfeeling bringen, spiegeln auch die Gefühle von Shabu wider: Trauer, Freude und Wut. Die erste Liebe, Gedanken und Gefühle und verrückte Ideen eines 14-jährigen sind Themen, welche auf sehr ehrliche und erfrischende Art und Weise erzählt werden.

Der Tag hat leider nur 24 Stunden

Die Familie, die für ihn sehr wichtig und heilig ist, wird ebenso wunderbar und charmant vorgestellt. Shabu sagt einmal im Film, dass der Tag nur 24 Stunden hat und zehn davon schon seiner Mutter gehören. Als seine Oma zurückkommt, fällt er ihr weinend vor Freude um den Hals.

Diese Szene hat eine so ergreifende Art, dass man von einer solch kleinen Geste berührt wird und Shabu, welcher einem schon von der ersten Minute des Films an sympathisch ist, noch sympathischer macht. Ab und zu zieht sich die Dokumentation, welche nur 75 Minuten lang ist, leider aber das tut der Handlung und den Charakteren, die einem ans Herz gewachsen sind, keinen Abbruch.

Fazit: Eine bezaubernde Art, eine Doku über einen langsam erwachsen werdenden jungen Mann zu erzählen, welche einen an seine eigenen Träume und Wünsche aus längst vergangenen Tagen erinnert. Film Bewertung 7 / 10

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