Film Kritik: "Benedetta" ist eine Abrechnung mit der patriarchalisch organisierten Religion

Film Kritik: "Benedetta" ist eine Abrechnung mit der patriarchalisch organisierten Religion

Regie: Paul Verhoeven mit Virginie Efira, Charlotte Rampling, Daphné Patakia, Lambert Wilson und Olivier Rabourdin | Genre: Drama | Produktion: Frankreich 2021 | Laufzeit: ca.127 Minuten | Kinostart: 02. Dezember 2021


Inhalt: Italien im 17. Jahrhundert: Hinter den Mauern des Klosters von Pescia versetzt die Novizin Benedetta Carlini (Virginie Efira) die Oberhäupter der katholischen Kirche in Aufregung, als die Wundmale Christi an ihrem Körper auftreten. Trotz anfänglicher Zweifel an der Echtheit der Stigmata steigt Benedetta als „Auserwählte Gottes“ zur Äbtissin auf.

Von nun an genießt sie Privilegien in der Ordensgemeinschaft, die ihr ein geheimes Doppelleben erleichtern: Sie lässt sich von der Nonnenschülerin Bartolomea (Daphné Patakia) in die Geheimnisse körperlicher Lust einführen. Doch die ehemalige Klostervorsteherin Felicita (Charlotte Rampling) kommt dem verbotenen Treiben auf die Spur.

Benedetta erzählt die wahre Geschichte einer lesbischen, italienischen Nonne aus dem Mittelalter, die Visionen von Jesus hatte. Ihre Geschichte wird von Paul Verhoeven, dem kontroversen Regisseur von Showgirls, auf die Leinwand gebracht. Wie dieser Film zeigt auch Benedetta eine von sexueller Lust getriebene Hauptfigur – mit fast wahnhaften Ehrgeiz, die in einer neuen Umgebung ankommt und diese zu ihrem Vorteil nutzt.

Im Gegensatz zu Showgirls ist Benedetta auch eine Kritik an der patriarchalisch organisierten Religion, insbesondere am Katholizismus, der die Körper der Frauen fetischisiert und gefangen hält. Virginie Efira, eine Schauspielerin mit großer Selbstbeherrschung, scheint auf den ersten Blick nicht in die Rolle der sexuell unersättlichen, oft verstörten Benedetta Carlini zu passen.

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Die junge Frau verliebt sich in Bartolomea (Daphne Patakia), eine neue Novizin. Als Benedetta sich auf eine unerlaubte sexuelle Liaison mit Bartolomea einlässt, beginnt sie auch, immer mehr Visionen zu haben, die viele in ihrem Orden davon überzeugen, dass sie von Wundern heimgesucht wird und dazu führt, dass sich Stigmata an ihrem Körper manifestieren.

Die Mutter Oberin des Klosters (Charlotte Rampling) ist davon weniger überzeugt, vor allem als Benedetta beginnt, ihr die Leitung streitig zu machen.

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Es ist viel los in Paul Verhoevens neuem Film, in dem an verschiedenen Stellen ein sexy Jesus Schlangen mit einem Schwert tötet, eine schwangere Frau vor einem Kardinal Muttermilch verspritzt, ein Schausteller seine Fürze in Brand setzt und ein Dildo aus einer Figur der heiligen Mutter Maria geschnitzt wird.

Der Film stellt eine ernsthafte Betrachtung der Stellung der Frau in unserer Gesellschaft dar, die einen kritischen Blick auf Väter wirft, die ihre Töchter an ein Kloster verkaufen, und auf verschiedene Männer, die es darauf anlegen, Frauen zu unterwerfen. Gleichzeitig ist er aber auch eine boshafte Sittenkomödie – mit einer Fülle von bissigen Sprüchen. Charlotte Ramplings vernichtendes „In einem Bett geschieht kein Wunder, glauben Sie mir“ – ist der persönliche Favorit des Rezensenten. 

Und schließlich ist der Film eine vergnügliche Herausforderung an den guten Geschmack. Benedettas Visionen sind absurd kitschig und gleiten ins Telenovela-artige ab. Der purpurne Himmel über dem Kloster, als ein Komet die Kleinstadt heimsucht, sieht einfach nur kitschig aus. Alle Nonnen tragen schreiend viel Make-up (!) unter ihren Perücken. Benedetta ist eine Achterbahnfahrt von einem Film, dessen Mut eine Stärkung des Geistes ist. Religiöse Menschen mögen das anders sehen.

Im letzten Drittel steigert Verhoeven die Spannung

Sobald Benedetta die Leitung des Klosters übernommen hat, kommt die Handlung in Schwung. Der vorherige Vorsteherin bringt den Fall von Benedettas Blasphemie und sexuellen Vergehen bis nach Florenz, um die Nonne absetzen zu lassen.

Hier ist Verhoeven am aufregendsten und die Spannung steigt. Nach Sharon Stone in Basic Instinct, Elizabeth Berkeley in Showgirls und Isabelle Huppert in Elle finden wir uns wieder einmal dabei wieder, jemanden anzufeuern, dessen Moral zutiefst zweifelhaft ist, und die (Überlebens-) Chancen schlecht stehen.

Es hilft, dass Virginie Efira dieser Figur ihr ganzes Herz schenkt und sich die Seele aus dem Leib spielt. Mit ihrem undurchschaubaren (Poker-) Gesicht, das keine Anzeichen für ihre Motive verrät. Mit ihrem Körper, der zeigt, dass Triebe die Oberhand gewinnen, stellt sie eine Person dar, deren Selbstvertrauen vollkommen und deren Rebellion eindeutig gefährlich ist. 

Am außergewöhnlichsten ist die Stimme, die Efira hervorzaubert: ein tiefes Knurren, wenn sie die Autorität herausfordert und die Stimme Gottes selbst verkörpert (oder vortäuscht). Charlotte Rampling bietet einen kühlen Kontrastpunkt zu dieser Darstellung, indem sie uns eine Mutter Oberin liefert, die politisch scharfsinnig war, dann aber erkennt, dass ihr Status sie niemals vor der Machtgier der Männer schützen kann.

Fazit: Die Schauwerte von Benedetta sind zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen, und es würde die Freude am Film verderben, wenn man seine stärksten Szenen zu detailliert beschreiben würde.

Aber in einer Zeit, in der eine große Welle des Puritanismus das Kino zu erfassen scheint und zu viele Filmemacher durch vorgegebene Werte eingeschränkt werden, bietet dieser mutige, absurde, verrucht lustige Film ein großes Vergnügen für Geist und Sinne. Film Bewertung: 7 / 10


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