Film Kritik: "SCHACHNOVELLE" | Selten hat eine Literaturverfilmung im deutschen Film besser ausgesehen

Film Kritik: "SCHACHNOVELLE" | Selten hat eine Literaturverfilmung im deutschen Film besser ausgesehen

Genre: Drama | Produktionsjahr: 2020 | Produktionsland: Deutschland | Mit Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr u.a | Regie: Philipp Stölzl | Länge: ca. 112 Minuten | FSK: ab 12 Jahre


Inhalt:  Die Neuinterpretation erzählt die Geschichte des Anwalts Josef Bartok, gespielt von Oliver Masucci, der 1938 im vom Nazi-Regime besetzten Wien von der Gestapo verhaftet wird und mittels eines Schachbuchs geistige Tortur übersteht.

Während Dominik Grafs „Fabian“, Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ und Christian Petzolds „Transit“ mehr oder weniger auf Zeitreise gehen und direkt vor unserer Haustür – und im Falle von Qurbanis „Alexanderplatz“ – bei den Drogendealern in der Berliner Hasenheide landen, bleibt Stölzl in der Welt des auf dem Vulkan tanzenden Doktor Bartok in Wien.

Seine Geschichte des Bewusstseinsverlustes, der allmählichen Verwandlung eines Realitätsverweigerers in einen Realitätsverlierer durch Isolationsfolter und Kulturentzug. Und die Geschichte eines Odysseus, der – wie Stefan Zweig für sich selbst befürchtet hatte – nie wieder in seine Heimat zurückkehrt. Jedenfalls nicht mehr, als wenn er weggefahren wäre.

Das hat man schnell verstanden, denn Stölzl hilft beim Verstehen, wo er kann. Einmal sitzt Stölzls Odysseus auf dem Schiff, das ihn nach Amerika bringen soll, und steht seiner Frau gegenüber, die in Zweigs Novelle gar nicht vorkommt. Regisseur Stölzl hat es zeigen müssen. Um das ganze Ausmaß der Zerstörung darstellen zu können, die der teuflische Nazi Böhm im Gehirn des Feingeistes Bartok anrichtet.

Bartok wird von Böhm in ein exquisites Schloss gesperrt. In ein Zimmer im Hotel Metropol. Mit immer der selben Brühe als Essen und viel Stille – und ohne Bücher. Um von ihm den Zugang zu jenen Konten der Kirche und des Bürgertums zu bekommen, die Bartoks (Notar-) Kanzlei verwaltet.

Schachnovelle mit Oliver Masucci
Oliver Masucci in der Verfilmung des Literatur-Klassikers „Schachnovelle“ © Arthaus

Oliver Masucci spielt sich mit einer beängstigenden Intensität durch die surreal aufgeblähte Welt

Während Stefan Zweig – der mit der „Schachnovelle“ nicht so zufrieden war – die Geisterbahnfahrt seines Notars für seine Verhältnisse nüchtern verfolgt, leuchtet Stölzl seinen Weg in die Auflösung des Geistes mit allen Mitteln des Kinos bis in die hintersten Winkel aus.

Mit sorgfältig ausgewählte Lichtquellen, durch ausgewählte Räume, die auch im Elend noch perfekt gestaltet sind, vorbei an feinstem ausgesuchten Mobiliar. Oliver Masucci wütet durch Stölzls immer wieder surreal aufgeblähte Welt und Bartoks zerbrechliche Seele mit einer solchen Intensität, dass man Angst um ihn bekommt. Albrecht Schuchs Böhm könnte als Bewerbung für die kommende Neuverfilmung von Klaus Manns „Mephisto“ missverstanden werden.

Und Stölzl begnügt sich nicht damit, die Geschichte von Bartoks Leidensweg zu erzählen (was ein Glück ist, denn sonst hätte man Birgit Minichmayr als Bartoks Frau nicht kennen gelernt). Er fügt der Novelle einen Epilog hinzu, den Zweig nie hätte schreiben können. 

Fazit: Selten hat eine Literaturverfilmung im deutschen Film besser ausgesehen. Selten ist man so zufrieden nach Hause gegangen. Vorhang auf, Film ab, Applaus und es bleiben keine Fragen unbeantwortet. Wertung 7.5 / 10 


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