Film Kritik: Shane - Der Punk-Poet mit den schlechten Zähnen

Film Kritik: Shane - Der Punk-Poet mit den schlechten Zähnen

Original Titel: Crock of Gold – A Few Rounds With Shane MacGowan

Genre: Dokumentarfilm | Regie: Julien Temple | Produktionsland: Großbritannien 2020 |

Laufzeit: ca. 124 Minuten | FSK: ab 12 Jahren | Originalsprache: Englisch | DVD / Blu-ray / VoD-VÖ: 31.12.2021


Inhalt: Shane MacGowan. Rebell, Punk, Poet. Frontmann der legendären Band The Pogues. Begnadeter Songwriter und exorbitanter Selbstzerstörer. Der durchgeknallte Unruhestifter mit irischen Wurzeln, der nach London zog, um in den Underground-Clubs und Pubs die dort gerade entstehende Punkbewegung mit irischem Folk aufzumischen.

Aus der Nische des Punk heraus schaffte es Shane, seinen Landsleuten in der aufgeheizten Stimmung des Nordirland-Konflikts eine weithin hörbare Stimme zu geben, mit einer Wucht und Hemmungslosigkeit, die sie bis dahin nie hatten. Und wie nebenbei schuf er mit „Fairytale Of New York“ im Stil einer irischen Folk-Ballade eines der meistgehörten Weihnachtslieder der Briten im 21. Jahrhundert.


© NEUE VISONEN FILMVERLEIH

Film Kritik

von Jan Herzmann

Mit The Pogues hat Sänger Shane MacGowan Musikgeschichte geschrieben. Anhänger sowohl des Punkrock als auch des Irish Folk verehren ihn weltweit – obwohl das nie sein Ansinnen war. Regisseur Julien Temple zeichnet das liebevolle Porträt eines faszinierenden Künstlers und einer vielschichtigen Persönlichkeit.

„Geboren am Weihnachtstag und gekommen, um die irische Musik zu retten“ – mit der ihm eigenen Süffisanz läutet Punk-Ikone Shane MacGowan die mehr als zwei Stunden lange Dokumentation über sich selbst ein, die jetzt im Kino angelaufen ist. Schnell erledigt hat sich die Skepsis, ob die Vorführung nicht ohne deutsche Untertitel angenehmer gewesen wäre, da man als Nicht-Muttersprachler immer wieder in Versuchung gerät, sie zu lesen, und somit vom Bild abgelenkt wird.

Die Antwort: Man braucht die Untertitel definitiv, da sich ein Teil des Inhalts sonst nicht erschlossen hätte. Die meisten Weggefährten, Familienmitglieder und Ehefrau Victoria Mary Clarke sind mit handelsüblichen Englischkenntnissen gut zu verstehen. Bei MacGowan selbst hingegen sind bereits die frühen Interviews, die Temple gesichtet und mit Liebe fürs Detail montiert hat, von schnodderiger Angetrunkenheit und starkem irischen Akzent geprägt.

Auf den aktuellen und eigens für die Doku gedrehten Sequenzen versteht man ihn sogar noch schlechter. Obwohl zum Drehzeitpunkt grade mal 60 Jahre alt, wirkt MacGowan körperlich am Ende, gezeichnet von jahrzehntelangem Drogenkonsum. Mit schiefer Kopf- und Körperhaltung hängt er in seinem Rollstuhl, auf den er seit einem Sturz im Jahr 2015 angewiesen ist, und murmelt vor sich hin. Seine Gesprächspartner helfen ihm beim Nachfüllen seines Wein- oder Cider-Glases, da er die Flasche nicht mehr allein halten kann.

McGowan – Der Punk-Poet mit den schlechten Zähnen © Neue Visionen Filmverleih

Eine Stimme, die den Charakter Irlands widerspiegelt

Temple, der auch bereits Dokumentationen über die Sex Pistols und Clash-Frontmann Joe Strummer gedreht hat, gewährt einen ungeschönten Blick auf den Mann, dem Eitelkeiten ganz offensichtlich seit jeher fremd sind. Trotz abstehender Ohren, fliehendem Kinn und den zu seinem Markenzeichen gewordenen dahinfaulenden Zähnen verfügt MacGowan über ein einzigartiges Charisma und strahlt zumindest auf der Bühne und in Interviews ein trotziges Selbstbewusstsein aus, das er dem Publikum geradezu ins Gesicht zu schleudern scheint.

Wenn er anfängt, zu singen, dann trifft er viele Menschen mitten ins Herz. Gut also, dass Temple dem Zuschauer neben den narrativen Passagen auch viel Musik gönnt. Rau und kraftvoll, irgendwie auch recht derb aber gleichzeitig anmutig und melancholisch – es mag hoch gegriffen erscheinen, doch vielleicht wird MacGowan auch deshalb so verehrt, weil seine Stimme den Charakter Irlands widerspiegelt. Passend zu dieser These kann auch die erste Hälfte von Temples Film als ein Porträt des Landes verstanden werden, über dessen Einwohner so viele Klischees in Film und Literatur existieren. Der Ursprung einiger lässt sich dank „Shane“ ein wenig nachvollziehen. Die Biographie MacGowans ist ein Stück weit eine irische Biographie.

Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in einem Bauernhaus, in dem es auch in den 60er Jahren noch kein elektrisches Licht gab und dessen Bewohner bestenfalls ins Feld gingen, um die Notdurft zu verrichten. Schon im Vorschulalter sei er durch diverse Aufsichtspersonen mit Alkohol und Tabak vertraut gemacht worden, was auch immer wieder auf obskure Weise mit Religion in Verbindung gebracht zu worden scheint.

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Drogen und Punkrock gegen Mittelstands-Depression

„Give him the bloody book!“, habe irgendwann ein Onkel von einer Tante gefordert, als klar wurde, dass der kleine Shane nicht nur musikalisch talentiert, sondern auch nicht auf den Kopf gefallen war. Rasch wird auch dem Zuschauer deutlich, dass sich hinter dem Whiskey-frönenden Pub-Barden ein sehr belesener, reflektierter Verstand verbirgt. So setzte sich MacGowan als Jugendlicher intensiv mit irischer Geschichte auseinander. Er las über die Hungersnot und den Unabhängigkeitskrieg. Er wurde sehr meinungsstark und zum IRA-Sympathisanten. Beides hat er bis heute nicht abgelegt und auf Political Correctness legt er noch weniger Wert als auf Zahnpflege.

Mit dem Katholizismus habe er abgeschlossen, nachdem er „Das Kapital“ gelesen habe. In Depressionen habe ihn der Umzug nach London gestürzt, wo seine Eltern Arbeit zu finden und ihren Lebensstandard zu verbessern hofften. In der Rückschau spricht MacGowan mit Abscheu über ein vermeintliches Anbiedern an den Mittelstand. Er sei für seine Mitschüler doch immer nur der „Paddy“ geblieben und habe sich einiger Prügel erwehren müssen. Fluchtmöglichkeiten waren für ihn der Konsum diverser Drogen und die aufkommende Londoner Punk-Bewegung. Beides prägt sein Leben bis heute.

An dieser Stelle verzichtet Temple klugerweise auf allzu viel Band-Chronik, sondern bleibt fokussiert auf die Inhalte. „Jem“ und „Spider“ waren eben irgendwann da. Man gründete die Pogues, man mischte Punkrock mit Irish Folk – ein Rezept, das später zigfach kopiert wurde – und man bekam immer mehr Aufmerksamkeit. Zuviel davon wurde es dem trotz rauer Schale im Inneren sensiblen Künstler nach dem 87er Welthit „Fairytale of New York“.

Dieser brachte zwar finanziellen Segen, doch gelangte MacGowan in die Rockstar-Maschinerie, in die er eigentlich nie hineinwollte. 360 Konzerte im Jahr, peinliche „Fiesta“-Videodrehs in bunten Hemden, ein findiges Management, das die Kuh bis auf den letzten Tropfen melken wollte. MacGowan war ausgebrannt, kippte immer mehr in sich hinein und habe sich regelrecht erleichtert gefühlt, als seine Mitmusiker ihn angesichts seines ungesunden Lebenswandels feuerten.

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Johnny Depp stört den Erzählfluss

Der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn – nachdem man Shane MacGowan zwei Stunden lang kennenlernen durfte, kommt man nicht umhin, so manchem Klischee doch den berühmten „wahren Kern“ zuzugestehen. Und rechtzeitig, bevor dem Film in all dem Schwelgen zwischen irischer Pub-Kultur, Lebensfreude und Inspiration eine Suchtverharmlosung nachgesagt werden kann, wird das Thema „Alkohol“ auch authentisch und in aller Serösität diskutiert – auch hier kommen neben MacGowan selbst Familie und Ehefrau zu Wort.

Der Film „Shane“ macht also vieles richtig. Das einzige, was da gar nicht so recht reinpassen will, sind die Szenen mit Johnny Depp, der sich ja offenbar gern als Hollywoods Rock `n` Roller inszeniert und sich deshalb gerne mit verwegenen Gestalten vom Schlage MacGowans umgibt. Depp hat den Film produziert und ist offenbar tatsächlich schon lange mit dem Sänger befreundet. Trotzdem wirken die Szenen, in denen die beiden in einer Bar sitzen und sich gegenseitig bauchpinseln („You’re so cute, it makes me sick“), seltsam gekünstelt.

Das ist jedoch Meckern auf hohem Niveau, wird echte Pogues-Fans kaum stören und sollte auch sonst niemanden abhalten, sich mittels einer hervorragenden Dokumentation einmal mit einem wichtigen Kapitel Musikgeschichte zu beschäftigen.

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Fazit: „Shane“ ist gleichzeitig Milieustudie, Musikfilm und Porträt einer echten Künstlerpersönlichkeit mit Ecken und Kanten. MacGowan, mit einer besonderen Gabe gesegnet, hebt sich angenehm von den stromlinienförmigen Charakteren ab, die heutzutage die Charts besiedeln. Der Film über ihn verzichtet dankenswerter Weise auf Pathos, auf Stereotypen und auf bierselige Glorifizierung des Rock ´n´ Roll Lifestyles.

Einblicke in die jüngere und ältere Geschichte Irlands und seiner Einwohner werden mit tollen Bildern unterlegt. Das Füllhorn an Live-Aufnahmen und Interview-Sequenzen dürfte selbst für eingefleischte Pogues-Fans noch den einen oder anderen ungekannten Leckerbissen enthalten. „Crock of Gold“ lautet der Originaltitel – das ist nicht nur ein Bild aus der irischen Mythologie, sondern trifft auch auf Temples Film zu. Wertung: 9 / 10

Shane McGowan © Neue Visionen Filmverleih

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