Film Kritik: "The Many Saints Of Newark" schafft die Balance zwischen Fan-Service und reichhaltigem, originellem und komplexen Material

Film Kritik: "The Many Saints Of Newark" schafft die Balance zwischen Fan-Service und reichhaltigem, originellem und komplexen Material

Inhalt: Im Jahre 1967 gerät die Familie Moltisanti in Aufruhr, teils wegen rassistisch motivierter Unruhen, teils wegen krimineller Aktivitäten abseits des üblichen Pfades. Währenddessen besucht der junge Tony Soprano (Michael Gandolfini) die Schule und spürt die Anziehungskraft des zwielichtigen Lebenswandels.

© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Die Fangemeinde der Erfolgserie „Die Sopranos“ weiß, dass David Chase ein Meister der Wendungen ist. Wer sich bei den Sopranos auf ein spannendes Mafioso-Blutvergießen einstellte, wurde regelmäßig mit kunstvollen Traumsequenzen, existenziellen Situationen und Szenen mit Enten begrüßt. Wobei es auch genug spannendes Mafioso-Blutvergießen gab, um die Zuschauer zum Weiterschauen zu bewegen.

Und wer das Geld für „The Many Saints of Newark„, die heiß ersehnte Rückkehr des Showrunners und Drehbuchautors in die blutigen Straßen von New Jersey, an der Kinokasse ausgibt, kann sich ebenfalls auf eine Überraschung gefasst machen. Anstatt der Tony-Soprano-Ursprungsgeschichte im Stil von „Star Wars: Die Dunkle Bedrohung“, die alle vorab gezeigten Film Trailer zu versprechen schienen, zeigt diese Vorgeschichte etwas viel Ungewöhnlicheres und Facettenreicheres.

In anderen Worten: viel mehr David Chase. Wir werden nicht erfahren, wie Tony im Teenageralter auf den Geschmack gekommen ist oder wie er zum ersten Mal einen zerknitterten Morgenmantel anzieht (obwohl wir etwas mehr Einblick in sein Interesse an Terrassenmöbeln bekommen).

Und Michael Gandolfini – der Sohn von James – ist unheimlich gut in der Rolle des zukünftigen Gangsterbosses, der die ikonische Darstellung seines Vaters perfekt nachahmt und gleichzeitig einen Hauch von Unschuld und Zerbrechlichkeit mitbringt.

(L-r) BILLY MAGNUSSEN als Paulie Walnuts, JON BERNTHAL als Johnny Soprano, COREY STOLL als Junior Soprano (im Hintergrung), JOHN MAGARO als Silvio Dante, RAY LIOTTA als “Hollywood Dick” Moltisanti und ALESSANDRO NIVOLA als Dickie Moltisanti.
FOTO-CREDIT: Barry Wetcher © 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Es werden viele Handlungsstränge angeboten, die nicht immer stimmig zu Ende gesponnen werden

Doch dies ist nicht die Tony-Show. Das bleibt weitgehend dem dritten Akt vorbehalten. Vielmehr taucht der Film in das Leben völlig neuer Figuren ein, die glücklicherweise eine überzeugende Truppe abgeben. Da wäre Dickie Moltisanti (Alessandro Nivola), der bisher unbekannte Vater von Christopher aus den Sopranos (Michael Imperioli hat in diesem Film eine Präsenz, die Fans der HBO-Serie und von Sunset Boulevard gefallen wird).

Dann gibt es noch Guiseppina Bruno (Michela De Rossi, sensationell) und den griesgrämigen „Hollywood Dick“ (Ray Liotta), mit dem sie sofort eine unglückliche Ehe eingeht. Und schließlich ist da noch Harold McBrayer (Leslie Odom Jr.), ein Laufbursche, der gerne mit der „Familie“ ins Geschäft kommt. Besonders der letztgenannte fühlt sich wie eine frische und willkommene Ergänzung dieser Welt an: In der Serie „Die Sopranos“ waren schwarze Charaktere nur am Rande zu sehen.

Aber hier, wo Chase die Handlung in die reale Geschichte – die Newarker Rassenunruhen von 1967 – einwebt, bietet er eine neue Perspektive und einen ungeschminkten Blick auf eine turbulente Zeit. Obwohl McBrayer zu sehr aus der Erzählung verschwindet, wenn der Film seine Aufmerksamkeit auf Tony richtet.

(L-r) MICHAEL GANDOLFINI als Teenager Tony Soprano und JON BERNTHAL as Johnny Soprano.
FOTO-CREDIT: Barry Wetcher © 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Es ist viel los in „The Many Saints Of Newark“, einem mit Figuren, passender Musik und Dialogen vollgestopften Film, und nicht alles davon kommt an. Es gibt eine Entwicklung, in die Liottas Figur verwickelt ist, die sich wie aus einer Telenovela entnommen anfühlt, während einige der Handlungsstränge unterentwickelt daherkommen, wenn der Film seine vielen verschiedenen Elemente durcheinander wirbelt.

Aber Chase hat sich offensichtlich jahrelang mit diesem Projekt beschäftigt: Es gibt viele Details und auch Anspielungen auf das, was sich Jahrzehnte später ereignen wird. Wenn sich Tonys Mutter Livia (eine absolut cool wirkende Vera Farmiga) mit einem Schultherapeuten anlegt oder der kleine Christopher in Tränen ausbricht, wenn Tony sich nähert, werden Sopranos-Fans vor Freude erschaudern. Für jeden anderen ist dies ein guter, eigenständiger Film über einen Haufen böser Männer und ein „kleines, fettes Kind“, das seine Vorliebe für Verbrechen entdeckt.

Fazit: Der Film ist anstrengender als sein HBO-Vorgänger und baut mehr auf, als er auflösen kann. Aber es gelingt, die Balance zwischen Fan-Service und reichhaltigem, originellem und komplexem Material zu halten. Wertung: 7.5 / 10

(L-r) LESLIE ODOM, JR. as Harold McBrayer
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