Film Kritik | Tides zeigt ein Endzeit Szenario in ansprechender Optik

Film Kritik | Tides zeigt ein Endzeit Szenario in ansprechender Optik

Regie/Drehbuch: Tim Fehlbaum | Laufzeit: 100 Minuten | Release: 26.08.2021 | Darsteller: Nora Arnezeder, Iain Glen, Sarah-Sofie Boussnina, Sope Dirisu, Sebastian Roché, Joel Basman, Bella Bading, Eden Gough uvm.


Inhalt: “Tides” von Tim Fehlbaum skizziert ein denkbares Endzeit Szenario, in welchem die ausgedünnte Menschheit Zuflucht auf einem neuen Planeten, Kepler, suchen musste, um der Ausrottung zu entgehen. Diese Suppe hat sich die Spezies Homo Sapiens selbst versalzen, denn Kriege und Umweltkatastrophen haben die Erde de facto unbewohnbar und zu einer Wüste aus Wasser, in Ebbe und Flut geteilt, gemacht.

Das Leben auf Kepler bleibt allerdings den Erwartungen eines Resets schuldig, da die Menschen dort unfruchtbar geworden sind. In der Hoffnung, die Erde wieder zu bevölkern, werden zwei Forschungsteams zur Erde gesandt; die Ulysses 1 und 2.

Die erste Besatzung verschwand, die Zweite setzt den Handlungsrahmen von „Tides“. Teil dieses Teams ist Louise Blake, welche kurz nach der Ankunft feststellen muss, dass nicht nur Menschen den klimatischen Holocaust überlebt haben, sondern in verschiedene Gruppierungen das Geschehen bestimmen.

Film Kritik

von Georg Reinke

Von Frau zu Mutter

So wie Ebbe und Flut entspinnt „Tides“ ein Wechselbad an Eindrücken.

Klischees werden schnell offengelegt, seien es die wässrigen Versuche Diversität zu gestalten (die im Übrigen relativ schnell auch wieder aufgelöst wird, durch den beinahe sofortigen Tod des einzigen schwarzen Darstellers), oder die anfänglich gelungene Charakterisierung einer starken Frau.

Blakes androgynes Erscheinungsbild als Kämpfernatur wird schnell durch die Rolle der Mutter entzogen.

Film Tides Astronautin Blake (Nora Arnezeder)
© 2021 Constantin Film Verleih GmbH/ Berghaus Wöbke/Gordon Timpen, SMPSP – Astronautin Blake (Nora Arnezeder)

Sie erfährt ihre erste Periode auf der Erde, Abzeichnungen der Brüste lassen sich nach knapp einer Stunde erkennen und eine fadenscheinige Beziehung zu Gibsons Adoptivsohn prägen ein eher schwach konnotiertes Matriarchat.

Durch diverse Flashbacks aus ihrer Kindheit wird ihre emotionale Komponente marginal tragfähig, ihr moralisches Dilemma hätte auch ohne Einbeziehung einer Vater-Tochter Geschichte geltend gemacht werden können.

Blake (Nora Arnezeder) ist Astronautin der Forschungsmission ULYSSES II.
© 2021 Constantin Film Verleih GmbH/ BerghausWöbke/Gordon Timpen, SMPSP Ist Leben auf der Erde wieder möglich? Blake (Nora Arnezeder) ist Astronautin der Forschungsmission ULYSSES II.

Unausgereifte Welt

Das Stichwort „moralisches Dilemma“ prägt „Tides“ in vielerlei Hinsicht, ist jedoch Segen und Fluch zugleich. Zum Einen wird eine komplexe hierarchische Ordnung vorgestellt, die aber Tiefe und Vielfältigkeit missen lässt. Zu einfach gestaltet sich die lose Unterteilung in indigene, ungebildete Völker und Konquisitoren, sodass die Darstellung der Überlebenden von Klischee zu Klischee hangelt.

Es wird sich kaum darum bemüht zu erklären, wie die Zweiklassengesellschaft entstehen konnte und zu welchem Zweck. Denn um Rohstoffe geht es nicht, es sei denn um weibliche Population. Warum man dann aber die Mädchen der „Natives“ klauen muss, ist nicht nachzuvollziehen. Generell weist das Worldbuilding Unmengen an Widersprüchen auf; wie konnten sich die Menschen trotz der Umstände über Jahrhunderte am Leben halten? Wie konnte sich die Atemluft trotz Verstrahlung regenerieren ?

Warum sind die Menschen auf Kepler so schnell unfruchtbar geworden? Man muss einen Film nicht in Exposition ertränken, aber auf vieles hätte verzichtet werden können, um die Welt etwas näher zu beleuchten.

Film Tides ULYSSES II - Astronaut Tucker (Sope Dirisu)
© 2021 Constantin Film Verleih GmbH/ Berghaus Wöbke/Gordon Timpen, SMPSP ULYSSES II – Astronaut Tucker (Sope Dirisu)

Zu viel Tempo, zu wenig Inhalt

Dramaturgisch leidet „Tides“ zudem unter einem charakterlichen Hangover. Beginnend mit einer starken Blake, verliert sich ihr Charakter in einer Melange aus Passivität und reinem Reaktionismus. Gleiches gilt für Gibson, dessen Motivation antagonistisch aufgezogen wird, eigentlich aber exakt dem entspricht, wonach Blake sucht.

Er will die Menschheit zurück auf die Erde holen und ihre Population vergrößern, indem er junge Mädchen zu sich bringen lässt, ihnen Bildung und „Wohlstand“ zu Teil werden lässt und damit ihre Lebenschancen deutlich vergrößert. Dass Blake ihn davon abhalten will, das Genom seines Stiefsohns nach Kepler schicken zu lassen, um von der menschlichen Fruchtbarkeit auf der Erde zu zeugen, war eigentlich mehr oder weniger exakt der Plan des Ulysses Programms. Dieses moralische Wollknäuel hätte vielleicht durch etwas weniger Tempo besser entwirrt werden können. Immerhin verzichtet „Tides“ auf einen korpulenten Soundtrack und verhält sich gekonnt nüchtern in der Inszenierung.

Die Ebbedünen werden schön bebildert, das Gefühl der Lethargie wird meist gut eingefangen, insbesondere in meist klaustrophobischen Räumen und Gängen wie auf dem Frachter. Die Flut wird oft als Gefahr betitelt, allerdings sieht man von dieser wiederum relativ wenig.

Fazit: „Tides“ versucht sich am Genre Kino, fischt aber im Trüben wenn es darum geht, glaubwürdige Charaktere zu vermitteln. Was anfänglich noch gelang, verliert sich durch eine zu dichte Abfolge sich aufeinander aufreihenden Handlungsbeats.

Oft passiert es, dass sich der Film unsicher scheint, was er denn sein will; ob Familiendrama, Horror, Thriller oder Sci-Fi. Es passiert einfach schlicht zu viel, um sich an einem Element genügsam zu tun. Statt wilder Gezeiten gibt es hier deutlich mehr Ebbe. Wertung: 5 / 10


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