"Joe Bell" mangelt es an Wucht und Authenzitität

"Joe Bell" mangelt es an Wucht und Authenzitität

Produktion: USA 2020 | Genre: Drama | Laufzeit: ca. 93 Minuten | Regie: Reinaldo Marcus Green | Mit: Mark Wahlberg, Reid Miller, Conny Britton, Gary Sinise, Morgan Lily u.a. | Seit 10. Dezember 2021 als DVD und digital erhältlich


Inhalt: Joe Bell (Mark Wahlberg) macht sich zu Fuß auf den Weg quer durch die Vereinigten Staaten, um für Toleranz und Verständnis – und vor allem gegen Mobbing und dessen schreckliche Folgen – zu werben. Er tritt damit auch zu einer Reise zu sich selbst an, zu seiner Rolle als Vater und seinen eigenen Werten.

© Leonine Studios

Es gibt nur wenige authentische Momente in dem gut gemeinten Drama über das Mobbing eines schwulen Teenagers und den Reaktionen seines aufgewühlten Vaters.

Wir sind etwa bei 35 Minuten im holprigen Drama „Joe Bell“ angelangt, als es einen Moment gibt, der eine wesentliche Enthüllung sein soll. Aber er basiert auf etwas, über das 2013 in den Nachrichten viel berichtet wurde, so dass es kaum eine Überraschung ist – und schlimmer noch, es wird auf eine ungeschickte, unnötig platte Art und Weise präsentiert, so dass man für eine Nebenfigur, die nur in dieser einen Szene vorkommt, Mitleid empfindet.

Das passt zum Gesamtkonzept von Reinaldo Marcus Greens gut gemeintem und auch gut gefilmtem, aber nicht überzeugendem Drama, welches auf einer wahren Geschichte beruht. Das Drehbuch stammt vom wunderbaren Team um Diana Ossana und dem verstorbenen Larry McMurtry, dem Duo, das vor 16 Jahren den Oscar für „Brokeback Mountain“ gewann. Man fühlt mit Mark Wahlbergs Titelfigur mit, einem Vater, der geschworen hat, von seiner kleinen Heimatstadt LaGrange in Oregon, bis nach New York City zu laufen, um die Aufmerksamkeit auf seinen 15-jährigen Sohn Jadin (Reid Miller) zu lenken, der gemobbt wurde, weil er sich als schwul outete, und sich daraufhin das Leben nahm.

Wenn man sieht, wie jugendliche Ignoranten Jadin quälen, wie ihm ein Berater vorschlägt, die Schule zu wechseln, als wäre er das Problem, und wenn Joe auf der Bühne eines überfüllten Auditoriums steht, um seine Botschaft zu verkünden, dann fiebert man mit Jadin und Joe mit. Aber es ist eine Schande, dass viele dieser Szenen so hölzern und vorhersehbar sind. „Joe Bell“ hat nie die dramatische Wucht, die die wahre Geschichte verdient.

(L-R Jadin (Reid Miller) und sein Vater Joe Bell (Mark Wahlberg) in „Joe Bell“ © Leonine Studios

Reid Miller ist eine Offenbarung als Jadin Bell

Der schmuddelig aussehende und (zumindest für seine Verhältnisse) ein wenig aus der Form geratene Wahlberg liefert eine seiner bodenständigeren Darbietungen als Joe, ein Ehemann und Vater aus der Arbeiterklasse in einer eng miteinander verbundenen und nicht besonders fortschrittlichen Gemeinde. Er liebt seine Frau Lola (eine unterforderte Connie Britton) und seine Kinder, aber er hat Probleme mit seinen Aggressionen.

Doch Joe ist nicht gerade mitfühlend, als Jadin sich outet. Er meint, dass es sich nur um eine Phase handeln könnte, und rät Jadin, diese Erkenntnis niemandem mitzuteilen. Als dann Jadin und eine Freundin (Morgan Lily) ihre Cheerleader-Übungen auf dem Rasen vor dem Haus machen, reagiert Joe gekränkt und fordert sie auf, das Ganze im hinteren Garten zu machen, wo sie niemand sehen kann.

Die Rolle des Jadin ist eine Offenbarung: Reid Miller weiß genau, wer er ist, und hat nicht vor, sich zu ändern oder auch nur so zu tun, als ob er sich ändern würde, nur damit andere sich weniger unwohl fühlen. Jadin ist ein aufgeweckter, sympathischer, liebenswerter und kreativer Junge, der nur eines will: weg aus dieser rückständigen Stadt und in New York City zur Schule gehen.

Mark Wahlberg in „Joe Bell“ © Leonine Studios

Es mangelt an authentischen Momenten

Allerdings wurde auch Jadin von der Grausamkeit, der Engstirnigkeit und dem Hass erdrückt – und während seine Mutter ihn unterstützt, verleugnet sein Vater alles und hat sich zurückgezogen. So verlässt Joe z. B. aus Verlegenheit ein Football-Spiel, anstatt seinen Sohn zu verteidigen, nachdem Idioten angefangen haben, Dinge nach Jadin zu werfen.

Mit seiner epischen Wanderung will Joe zu Toleranz ermutigen, doch dabei geht es sowohl um seine eigene Erlösung als auch um seine Facebook-Kampagne, die landesweites Medieninteresse hervorgerufen hat. So fragt sich Lola, inwieweit sich Joe selbst nach all dem, was die Familie durchgemacht hat, wirklich verändert hat – und damit hat sie recht. Zum Ende des Films taucht Gary Sinise als Polizist auf, der ein offenes Ohr für Joe hat, was zur besten Szene des Films führt, in der diese beiden Machos mittleren Alters ihre Geschichten austauschen.

Fazit: Wenn nur der Rest des Films einen ähnlich authentischen, subtileren Ton angeschlagen hätte, dann wäre „Joe Bell“ etwas Besonderes geworden. Film Bewertung 5 / 10

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