Kleines Mädchen | Dokumentation | Film Kritik

Kleines Mädchen | Dokumentation | Film Kritik

Film: Kleines Mädchen
Regie: Sébastien Lifshitz
Erschienen: am 18. Februar als VoD und DVD
Länge: 85 min
FSK: 6


©Arte / Salzgeber Dokumentation „Kleines Mädchen“ 2020


Film Kritik:

von Nicola Scholz

Sasha ist acht Jahre alt aber schon mit 5 Jahren hat sie ihrer Mutter gesagt, dass wenn sie groß ist, ein Mädchen wird. Die Mutter verneinte diese Aussage, denn Sasha ist ein gesunder Junge, obwohl die Mutter sich während der Schwangerschaft nichts sehnlicher als ein Mädchen wünschte. Und das könnte, laut Ärzten, einer der Gründe sein weshalb Sasha im Kopf ein Mädchen ist, aber nicht vom Körper her. Und als die Mutter dies akzeptiert, beginnt ein Kampf darum Sasha auch bei Freunden und in der Schule sowie dem Ballettkurs als Mädchen akzeptieren zu lassen. Doch trotz ärztlichen Gutachtens ist dieses schwierig den zuständigen Personen begreiflich zu machen.

Für Sasha ist dies eine emotionale Achterbahnfahrt, denn sie versteht nicht weshalb sie keine Kleider tragen darf und wieso man sie nicht einfach mit weiblichen Pronomen ansprechen kann. Gleichzeitig traut sie sich immer weniger in weiblichen Klamotten vor die Tür zu gehen. Die Mutter hat Angst das dieser Weg noch schwieriger werden kann, wenn Sasha älter ist. Beim Arzt stehen außerdem Entscheidungen an, wie man mit Sashas Pubertät umgehen will.


©Arte / Salzgeber Dokumentation „Kleines Mädchen“ 2020

Ein Film über Erwachsene, die nicht erwachsen sind

Sébastien Lifshitz ist vor allem Dokumentarfilmer mit dem Augenmerkt auf junge Menschen und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Hürden, die einem in den Weg gelegt werden könnten, sind zum Beispiel ein „falscher Körper“, wie in Sashas Fall. Die Mutter von Sasha sagt einmal im Film, dass Sasha nicht wie andere ist und während andere mit der Pubertät, der ersten Liebe und anderen damit einhergehenden Dingen umgehen müssen, wird sie mit ihren eigenen Problemen, die vor allem damit zu tun haben werden das sie eben nicht den Körper hat den sie sich wünscht, zu kämpfen haben werden.

Und dabei ist Sasha mit ihren acht Jahren reifer als so mancher Teenager. Sasha weiß was sie will und vertritt diese Meinung so stark, dass man das Gefühl hat hier einen reifen Erwachsenen vor sich sitzen zu haben. Wobei auch nicht alle erwachsenen so reif erscheinen in dieser Dokumentation. Die russische Ballettlehrerin setzt Sasha vor die Tür, weil sie mit der Situation nicht umzugehen weiß. Sasha soll erst wiederkommen dürfen, wenn sie in Männerkleidung erscheint und akzeptiert das sie auch diese Rolle im Ballett einzunehmen hat.


©Arte / Salzgeber Dokumentation „Kleines Mädchen“ 2020

Realistisch eingefangen und mit einem Hauch von Spielfilm Niveau

Dabei ist die Dokumentation so überaus emotional eingefangen, dass man das Gefühl hat, das keine Kameraleute mit im Raum gestanden haben können, sondern die Kamera wie ein weiteres Auge fungiert und wahrscheinlich einfach im Raum aufgestellt worden ist. So allein kann man sich die starken Momente erklären, wie wenn Sasha bei ihrem ersten Arztbesuch in Paris plötzlich Tränen in den Augen hat und diese still und leise über ihr Gesicht laufen.

Oder wenn Sasha zu schluchzen beginnt, weil die Mutter ihr offenbart, dass wenn der Direktor der Schule nicht akzeptieren mag das Sasha sich eben nicht im richtigen Körper befindet, ein Schulwechsel ansteht. Ein anderer ergreifender Moment findet im Garten der Familie statt, als die Mutter sich mit dem älteren Bruder von Sasha unterhält und ihn fragt ob
sie das richtige tue.

Und dieser antwortet lapidar: Ja, lass die anderen doch reden. Die Dokumentation ähnelt vom Stil her dem Wim Wenders Film „Halt auf halber Strecke“. Genau so realistisch eingefangen und dennoch mit einem Hauch von Spielfilm Niveau. Glatt will man Sasha noch länger begleiten und weiter Teil ihres Lebens sein, denn das Kind wächst einem so schnell ans Herz und die Tränen von ihr lassen einen erschüttert zurück.


©Arte / Salzgeber Dokumentation „Kleines Mädchen“ 2020

Fazit: So einfach scheint doch die Lösung. Verständnislosigkeit für die Erwachsenen und ganz viel Verständnis für Sasha macht sich breit. Und auch wenn man selbst „im richtigen Körper“ geboren wurde so kann man, dank der Doku, tatsächlich nachempfinden wie es sein muss jeden Tag aufzustehen und so zu tun als sein man jemand anderes.

Das Lächeln von Sasha als die Mutter ihr offenbart das sie nun Kleider tragen dürfe, ist ein so echtes und warmherziges Lächeln, das einem binnen einer Sekunde klar wird: die Mutter ist eine Heldin und sie tut genau das richtige, ohne Frage!

Wertung: 10/10


©Arte / Salzgeber Dokumentation „Kleines Mädchen“ 2020

Kommentar hinterlassen

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.