GAZA MON AMOUR | FILM KRITIK | 2021

GAZA MON AMOUR | FILM KRITIK | 2021

Regie und Buch: Tarzan und Arab Nasser | Mit Salim Daw, Hiam Abbass u.a. | Frankreich, Palästina, Deutschland, Portugal 2020 | Am 22. Juli 2021 startet GAZA MON AMOUR im Verleih von Alamode Film.


Story: Der 60jährige Junggeselle Issa führt ein ruhiges, einsames Leben als einfacher Fischer im Hafen von Gaza. Heimlich ist er in die Witwe Siham verliebt, die er täglich an ihrem Marktstand beobachtet, wo sie als Schneiderin arbeitet. Sein Liebeswerben verläuft allerdings so versteckt und langsam, dass sich kaum Fortschritt einstellt.

Als ihm eines Tages ein ungewöhnlicher Fang ins Netz geht ist es mit dem ruhigen Leben jedoch vorbei. Eine antike Apollo-Statue mit unübersehbarem erigiertem Penis stürzt den Fischer ins Chaos. Eine solch obszöne Figur ruft die Sittenpolizei des Gaza-Streifens auf den Plan. Issa muss einen Gang zulegen, um sich aus den Fängen der Behörden zu befreien und gleichzeitig endlich sein Liebesleben in den Griff zu bekommen.

© Alamode Film

Film Kritik

von Ilija Glavas

Frischer Wind für das arabisch-palästinensische Kino

GAZA MON AMOUR, einer der besten Filme aus dem Nahen Osten von Arab und Tarzan Nasser, ist der frische Wind, den das arabische und insbesondere das palästinensische Kino gerade jetzt braucht. Der witzige, herzliche und (fast-) perfekt umgesetzte Film birgt ein großes Potenzial für Crossover-Freunde.

Es gibt nur wenige Filme, die es schaffen, sowohl skurril als auch berührend zu sein, aber GAZA MON AMOUR verdankt dies einer tollen Darbietung von Salim Daw als Issa, dem Protagonisten des Films. Und einem intelligenten, durchdringenden und brutal ehrlichen Drehbuch der Nasser-Brüder, die von der überlebensgroßen Persönlichkeit ihres eigenen Vaters inspiriert wurden und ihm den Film gewidmet haben.

Ein unerwarteter Beitrag, der zu einer Zeit kommt, in der ein Großteil des Kinos im Nahen Osten der politischen Düsternis verfallen ist. GAZA spielt eine völlig andere Klaviatur, vergisst aber nie den politischen Hintergrund, vor dem sich die Handlung entfaltet. 

© Alamode Film

Wenn die Verzweiflung Überhand nimmt, was ist dann überhaupt noch der Sinn des Lebens?

Issa (Daw) ist ein Junggeselle um die 40, der einem eintönigen Lebensstil erlegen ist. Er scheint sich mit seinem Leben abgefunden zu haben, vor allem damit, Single zu bleiben. Er ist nicht der Typ Mann, den man eine Midlife-Crisis zutraut. Seine Schwester (Hiam Abbass), die ihn lange Zeit zum Heiraten gedrängt hat, hat ihn jedenfalls fast aufgegeben.

Eine Zeit lang war Issas Leben eine Miniaturversion des Lebens von Millionen von Palästinensern, die inmitten all der Bombenangriffe, Razzien und des ständigen Aufruhrs scheinbar vergessen haben, wie und warum sie leben. Sie meistern ihren Alltag wie Geister und haben Mühe zu lächeln, denn ihre traumatische Vergangenheit hat ihnen keinen Raum für Optimismus gegeben. Wenn die Verzweiflung Überhand nimmt, was ist dann überhaupt noch der Sinn des Lebens?

So ist das Leben von Issa, genau wie das seiner Nachbarn, seiner Familie und seiner Freunde-nur, dass viele ihn für glücklich halten, dass er keine Verantwortung für Elternschaft und Ehe trägt. Alles ändert sich in einer schicksalhaften Nacht, als Issa angeln geht-innerhalb des begrenzten Radius von 5 KM, in dem die Bewohner des Gazastreifens unter der israelischen Besatzung angeln dürfen – und eine Statue von Apollo findet. 

Es ist jedoch keine gewöhnliche Statue, denn ihre Organe sind eindeutig erregt. Die sexuelle Natur, und natürlich ihr Wert als Lieferant für die ein oder andere Zote, nehmen Issa und uns mit, auf eine unerwartete Reise voller Herz und Lachen. Was GAZA MON AMOUR wirklich erfrischend macht, ist die Art und Weise, wie brillant er mit der arabischen und palästinensischen Psyche umgeht. Es gibt Millionen von Menschen im Nahen Osten, die einfach vergessen haben, wie man glücklich ist. 

© Alamode Film

Eine brillante Mischung aus Humor und Herz

Während die politischen Unruhen sicherlich ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft zunichte gemacht haben, zeigt GAZA, dass Verzweiflung ebenso genährt wie verursacht werden kann. Wenn man sich nämlich der Vorstellung hingibt, dass alles verloren ist, wird das Leben zu einem automatischen, standardmäßigen Zustand des Überlebens. Anstatt ein trotziger Versuch zu sein, die kleinen Freuden des Lebens zu schätzen, zu denen ja auch Liebe und sexuelle Intimität gehören. 

Die Apollo-Statue zeigt uns, dass Sex in einer konservativen Region wie dem Nahen Osten lange Zeit ein Tabu war. Sie dient als fantastische Metapher für die selbst verursachte sexuelle Unterdrückung, die sich viele in der Region als Teil ihrer sozialen Anpassung auferlegen.

Besonders wenn sie älter werden und von ihnen erwartet wird, ein würdevolles Bild von sich selbst in Gesellschaften aufrechtzuerhalten, die glauben, dass Lust, Liebe und körperliches Verlangen ein Verfallsdatum haben. GAZA erschüttert solche Vorstellungen mit Humor und Herz, und wenn Issas Reise ihr Ziel erreicht, ist es eine wahre Freude, dabei zuzusehen.

© Alamode Film

Fazit: Mutig, innovativ und mit einer brillanten Mischung aus Humor und Herz ist GAZA MON AMOUR einer der besten Nahostfilme und eine durchdringende Untersuchung der arabischen Psyche und ihres Festhaltens an der gesellschaftlichen Konformität. 

Dazu liefert der Film einen wichtigen Aufruf: wirklich zu lieben und das Leben in vollen Zügen zu leben. Solange das Herz schlägt, kann-und sollte-es noch viel mehr tun, als uns nur am Leben zu erhalten. Wertung: 7.5 / 10 


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