Mit "Licorice Pizza" zeigt Paul Thomas Anderson, was er drauf hat

Mit "Licorice Pizza" zeigt Paul Thomas Anderson, was er drauf hat

Produktion: USA 2021 | Genre: Cooming-of-Age / Drama | Laufzeit: ca. 133 Minuten | Regie: Paul Thomas Anderson | Mit: Alana Haim, Cooper Alexander Hoffmann, Bradley Cooper, Sean Penn u.a.


Inhalt: San Fernando Valley, Kalifornien, 1973. Während er darauf wartet, dass sein Abschlussfoto geschossen wird, bittet der 15-jährige angehende Schauspieler Gary Valentine (Hoffman) die 25-jährige Fotoassistentin Alana Kane (Haim) um ein Date – und es beginnt eine feurige Freundschaft, eine Geschäftspartnerschaft und möglicherweise eine Romanze.

© Universal Pictures Germany

„Du bist ein sehr intensives Gefühl“, sagt eine Figur zu einer anderen gegen Ende von Licorice Pizza. Es ist ein Moment, der sich anfühlt, als würde der Film sich selbst beschreiben.

Paul Thomas Andersons neunter Film ist zerklüftet und chaotisch, gleichzeitig aber äußerst liebenswert. Er ist ebenso sehr an Stimmung und Flair interessiert wie an Geschichte und Erzählung. Es handelt sich um eine Coming-of-Age-Geschichte, dargestellt mit der Art von Nostalgie, die so wirkt, wie man es von Erinnerungen gewohnt ist: chaotisch und unfertig, aber dennoch irgendwie intensiv, ja, sogar tiefgründig.

Andersons früher, unbekümmerter komödiantischer Ansatz (Boogie Nights, Magnolia) scheint sich mit seinen späteren, eher ambitionierten Arbeiten (Inherent Vice, Phantom Thread) zu vereinen. Ein spannender Höhepunkt seines Könnens, einen Film, wie er ihn nur an diesem Punkt seiner wahnwitzig virtuosen Karriere hätte machen können.

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Wenn er Ähnlichkeit mit einem anderen PTA-Film hat, dann mit Punch-Drunk Love; denn Licorice Pizza ist im Wesentlichen eine unkonventionelle romantische Komödie mit zwei exzentrischen Außenseitern in den Hauptrollen, die man früher als Hauptdarsteller einer romantischen Komödie nicht für möglich gehalten hätte.

Als Nicht-Pärchen ist es eine Freude, Gary (Cooper Hoffman) und Alana (Alana Haim) zuzusehen. Er ist noch ein Kind, bewegt sich aber mit dem Selbstbewusstsein eines Geschäftsmannes mittleren Alters durch die Welt. Sie ist erwachsen, aber weniger erfahren und weltgewandt als sie glaubt.

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Die gemeinsame Vergangenheit verbindet

Er ist ein flirtender Kinderschauspieler und Jungunternehmer, der mit der jugendlichen Aufgeblasenheit eines Wes-Anderson-Protagonisten auftritt, und er fühlt sich sofort zu Alana hingezogen. Doch sie weist ihn zurück, fühlt sich aber sichtlich geschmeichelt und kämpft immer wieder mit Unsicherheiten, die sie nicht abschütteln kann.

Zusammen liefern Hoffman und Haim zwei der bemerkenswertesten und faszinierendsten Debüts der letzten Zeit ab, und ihre Natürlichkeit verleiht dem Film etwas ungemein Lebendiges und Authentisches. Um zu verstehen, wie persönlich die Beziehungen des Filmemachers zu den beiden Jungschauspielern sind, muss man nur die Grundlagen kennen. Anderson führt regelmäßig bei Haims Musikvideos Regie, während Haims Mutter Andersons Lehrerin war. Und Hoffmans Vater, der verstorbene Philip Seymour Hoffman, war Andersons Freund und langjähriger Weggefährte. Schon die Besetzung des Paares strotzt nur so vor Bedeutung und Sentimentalität.

Dies ist allerdings keine konventionelle Coming-of-Age-Geschichte. Denn der Altersunterschied ist immer spürbar, aber Anderson inszeniert die Geschichte bis zum Schluss als eine seltsame Romanze, in der es um die Frage geht: Werden sie zusammen kommen oder nicht?

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Zeitgeschichte, Liebe und Bradley Cooper

Beide sind zu jung, um herauszufinden, wie sie damit umgehen sollen, aber sie fühlen sich unweigerlich zueinander hingezogen und umkreisen sich wie gegensätzlich geladene Magnete. Das ist äußerst romantisch, in einem höchst unbeholfenen, chaotischen Sinne.

So telefonieren sie in einer Szene in völliger Stille miteinander, sodass Anderson in ihrer Verbundenheit Spannung findet, ohne dass einer der beiden je ein Wort sagt. Es spricht für den Regisseur, dass sich die Kombination der beiden nie aufgesetzt anfühlt. Dabei hilft es, dass die Welt, in der sie leben, Andersons geliebtes San Fernando Valley (in das er fast zwei Jahrzehnte nach seinem letzten filmischen Ausflug, Punch-Drunk Love, zurückkehrt) – ein derart starkes Bewusstsein für Ort und Zeit hat.

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Bei einer unerwartet starken Sequenz wird die Geografie dieser steilen Vorstadthügel sogar zum Handlungselement, wenn Alana – vor dem Hintergrund der Ölkrise der 1970er Jahre – mit einem leergetankten Lastwagen im Leerlauf den Berg (rückwärts) hinunterfährt. Auch die Umgebung des Tals gibt der Handlung Impulse.

Auf dieser Reise in die Erinnerungswelt von Anderson kommen und gehen die Hauptdarsteller, eine bunt gemischte Truppe von Exzentrikern. Sean Penn – so witzig wie noch nie – spielt einen alternden Filmstar, der für ein verblassendes Hollywood steht und verzweifelt versucht, seine Fähigkeiten als Motorradstuntfahrer unter Beweis zu stellen. In einer unerwartet emotionalen Nebenhandlung taucht Uncut Gems Co-Regisseur Benny Safdie als Politiker auf, der ein Doppelleben führt.

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Ein Meister bei der Arbeit

Anderson pfeffert seinen Film mit Figuren wie diesen voll: In einem köstlichen Dialog bemerkt ein Casting-Agent gegenüber Gary mürrisch: „Ich bin geschieden, aber ich nehme ab.“ Doch was die pure Komik angeht, kann keiner der Cameos mit Bradley Cooper mithalten. In seiner Rolle des echten Hollywood-Produzenten Jon Peters hat Cooper schon in den ersten zehn Sekunden den Satz „Wie groß ist Ihr Penis?“ drauf und verleiht dem Film eine wilde, verkorkste Energie, die ihn in eine weitere unerwartete Richtung lenkt.

Angesichts dieses eigenwilligen Ansatzes und der Tatsache, dass man immer abwarten muss, was dabei herauskommt, könnte der eine oder andere Schwierigkeiten haben, sich zu entscheiden und nach einer klaren Linie suchen, an der man sich festhalten kann. Aber man sollte Sorglosigkeit nicht mit Nachlässigkeit verwechseln. Hier ist alles mit Präzision und Absicht angelegt.

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Es gibt nur wenige Filmemacher, die ihr Handwerk so gut beherrschen – angefangen bei den ehrgeizigen Kamerafahrten, die an Andersons Erstlingswerk Boogie Nights erinnern (die Kameraführung teilt er sich mit Michael Bauman), bis hin zu den passenden Schnitten und dem geschickten Einsatz von Musik ( die dezente Filmmusik von Jonny Greenwood passt perfekt zu den historischen Nadelstichen).

Das Ganze läuft auf etwas sehr Verworrenes hinaus, nämlich auf die verwirrende Mischung von Emotionen, die sich einstellt, sobald jemand Bedeutendes die eigene Umlaufbahn betritt. Ein starkes Gefühl, das mühelos durch die filmische Sprache umgesetzt wird, um noch stärkere Gefühle hervorzurufen.

Fazit: „Licorice Pizza“ ist lässiger und humorvoller als seine letzten Werke, gleichzeitig aber auch ausgefeilter und handwerklich sicherer als seine ersten Filme. Hier zeigt Paul Thomas Anderson, was er drauf hat. Ein wahrer Meister bei der Arbeit. Film Bewertung 9 / 10

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