Verkannte Perlen #2: Der Pate III

Verkannte Perlen #2: Der Pate III

Der Pate III“ kann nicht mit seinen überirdischen Vorgängern mithalten. Dennoch ist er ein großartiger Film – mit Stärken und Schwächen. Der Abschluss von Coppolas epischer Mafia-Trilogie in unserer Reihe „Verkannte Perlen“.

Wenn man „Pate“-Fan ist und gleichzeitig Realist, dann stehen zwei Tatsachen fest:

  1. Würde es „Der Pate“ nicht geben, dann wäre „Der Pate – Teil II“ der beste Film der Welt.
  2. Würde es die ersten zwei Teile nicht geben, dann wäre „Der Pate III“ NICHT der beste Film der
    Welt.

Steile Thesen ja, aber so ehrlich muss man dann doch sein. Das wäre also geklärt.

„Der Pate III“ kann nicht mit den beiden Meisterwerken mithalten und weist sogar einige Schwächen auf, das sei den Kritikern unbenommen. Aber so eine Enttäuschung, wie teilweise kolportiert wurde, ist Coppolas Werk von 1990 nun wirklich auch nicht.

Wir haben es immer noch mit einem Goldklumpen zu tun – wenn auch weniger Karat als bei den Vorgängern und hier und da mit ein wenig Blei dazwischen. Der dritte Film der Reihe führt einige der bewährten Erfolgsrezepte fort und macht damit wenig falsch. An anderen Stellen hebt er sich von seinen Vorgängern ab und betritt gutes wie auch schlechtes Neuland. Francis Ford Coppola gibt frank und frei zu, den Film damals lediglich aus finanziellen Gründen gedreht zu haben. Allein diese Aussage klingt schon einmal unangenehm und färbt möglicherweise auch so manche Rezeption.

Wie kann ein Film gut sein, bei dem es doch nur um die Kohle ging? Dass an Filmsets viele Menschen in erster Linie arbeiten, um ein auskömmliches Leben zu führen und nicht alles in Hollywood nur aus künstlerisch-idealistischen Motiven geschieht, vergessen so manche Feuilleton-Eliten manchmal.

Erfolgsrezepte der „Pate“-Sage werden fortgeführt

Teil 3 ist der erste „Pate“-Streifen, der keinerlei Passagen aus dem Original-Roman von Mario Puzo verfilmt, weshalb die Handlung komplett erdacht werden musste. Dies ist mal besser, mal schlechter gelungen. Im Sinne eines klassischen Dreisprungs – veni, vidi, vici – greift Coppola Entwicklungen auf, die zwischen dem ersten und dem zweiten Teil liegen, führt sie konsequent auf die fehlende dritte Stufe fort und macht sie so erst zu einem stimmigen Gesamtkonzept. Dies gilt sowohl für den sozialen Aufstieg der Familie Corleone als auch für die Macht und den Einfluss ihrer Feinde.

Tarnen sich die Corleones im ersten Teil noch als Familienunternehmen im Olivenimport und müssen mit den New Yorker Mobstern fertig werden, so versucht man im zweiten Teil den Sprung ins internationale Hotelgewerbe und zeigt sich mit der Expansion nach Kuba sogar progressiv. Doch auch in der Politik lauern Schweinepriester, die ihre Macht ausspielen und andere unterdrücken wollen. Weshalb die Corleones dies auch tun müssen und es darauf ankommen lassen, wer ausdauernder, verschlagener und kompromissloser ist. Obwohl der Weg aus der Gewaltspirale herausführen soll, muss immer wieder Gewalt angewandt werden. Das ewige Dilemma.

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Im dritten Teil versucht die Familie, ihren Namen durch Geschäfte mit dem Vatikan reinzuwaschen. Doch auch im Klerus lauern die Schurken – oder nennen wir sie lieber „Gegenspieler“, denn Schurken sind die Corleones nun mal selbst auch. Hier wird niemand glorifiziert und das ist seit jeher eine der größten Stärken der „Pate“-Trilogie. Zu Beginn von „Der Pate III“ erleben wir einen Michael Corleone (Al Pacino), der sozial so gut dasteht, wie noch nie. Wegen seines karitativen Engagements erhält er eine päpstliche Auszeichnung.

Privat blickt er mit reichlich Reue auf sein Leben zurück, muss er doch erkennen, dass seine Familie, durch seine Entscheidungen komplett auseinandergebrochen ist. Dabei tat er doch alles, was er tat, immer nur, um seine Familie zu beschützen und aus der Kriminalität herauszuführen.

Al Pacino in der Pate 3 als Michael Corleone
© Amazon Video

Die Familienfeiern der Corleones – ein Dreiklang in Moll

Genannte Ordensverleihung ist aber Anlass genug, um eine Feier auszurichten und alle einmal wieder zusammen zu holen. Die Familienfeier zu Beginn ist neben dem Multiple Kill am Ende das wiederkehrende Element der Reihe, das einen abholt und ins „Pate“-Universum zurückholt. Doch auch hier der Dreiklang in Moll: Während die Familie im ersten Teil bei Connys und Carlos Hochzeit noch intakt ist, so ist im zweiten Teil bei Anthonys Kommunion an allen Ecken und Enden der Wurm drin. Im dritten Teil – wir sprachen schon davon.

Und wie in den ersten beiden Teilen lässt man sich wieder nicht lumpen, was aufwändige, bildgewaltige Settings angeht. Ob die Straßenparade, das Finale in der Oper von Palermo oder eben die Familienfeier zu Michaels Ehren – Coppola traut sich, auch einmal gehörig aufzufahren. Wichtiger als opulente Szenerien war und ist in der „Pate“ jedoch immer das Ensemble. Beziehungen, Konstellationen, Dialoge – das ist es, was die Filme von allen noch so coolen herkömmlichen Gangster-Epen abhebt.

Doch genau beim Ensemble liegt diesmal der Hase im Pfeffer, denn hier gibt es Licht und Schatten. Zieht man Bilanz, so lässt sich dabei tatsächlich eine Generations-Grenze ziehen.

Die zweite Generation liefert ab, die dritte eher nicht

Fangen wir mit dem Schatten an und hier muss natürlich über Sofia Coppola als Michaels Tochter Mary gesprochen werden. Dass die Tochter des Regisseurs nach der vernichtenden Kritik an ihrer Performance die Karriere als Schauspielerin beendete und daraufhin selbst eine angesehene Filmemacherin wurde, ist bekannt.

In der Tat: Sofia alias Mary grinst den ganzen Film lang leicht orientierungslos durch die Gegend, kichert pubertär und scheint irgendwie immer nicht so recht zu wissen, wohin mit ihren langen Haaren. Allerdings muss man zu ihrer Ehrenrettung sagen, dass das Drehbuch auch nicht wirklich etwas für sie tut. Mary ist stolz auf ihre Tätigkeit in der „Corleone- Stiftung“ und man fragt sich die ganze Zeit: Wie kann die Tochter von solch intelligenten Menschen wie Michael und Kay so naiv sein, dass sie anscheinend überhaupt keinen Schimmer davon hat, was der eigentliche Zweck dieser Stiftung ist? Trotzdem: Wen ihr tragisches Ende nicht berührt, der hat ein Herz aus Stein.

Francis Ford Coppolas spätere Ausführung, seine Tochter habe die Rolle beinahe widerwillig und nur
als Liebesdienst für den Vater übernommen,
da alle anderen Kandidatinnen zu alt waren, wirkt ein wenig hanebüchen. Mit Sicherheit hätte sich eine Jungschauspielerin gefunden, die gegen ein angemessenes Handgeld in einer durchaus angesehenen Filmreihe hätte mitwirken wollen.

Er habe eine Jugendliche gebraucht, praktisch noch ein Kind, „die sich eben in ihren Cousin verliebt“, sagt Vater Coppola, so als sei es quasi an der Tagesordnung, dass sich jugendliche Mädchen eben in ihre älteren Cousins verlieben. Die Romanze zwischen Mary und Vincent Mancini-Corleone ist insgesamt eines der großen Ärgernisse des Films, da sich weder die Story nachvollziehen lässt, noch den Schauspielern die Gefühle füreinander abgekauft werden können.

Al Pacino und Andy Garcia in Der Pate 3
© Amazon Video

„Ich brauche keine Schläger. Ich brauche Anwälte.“

Als unehelich mit der Gespielin aus „Der Pate“ gezeugter Sohn soll Vincent eine Reinkarnation von
Santino, genannt „Sonny“, Corleone sein. Michaels ältester Bruder, dem die Rolle des Don eigentlich
vorbehalten gewesen wäre, der jedoch an seinem aufbrausenden Temperament scheiterte, war völlig zurecht einer der beliebtesten Charaktere der Trilogie. Andy Garcia als Vincent wurde von der Kritik weniger durchgeprügelt als Sofia Coppola, zumindest im ersten Drittel des Films spielt er jedoch keinen Deut besser.

Die einzigartige Energie von Sonny-Darsteller James Caan erreicht Garcia zu keiner Sekunde. Eine arg groschenromanige Szene zu Beginn, die dem Zuschauer vermitteln soll, dass Vincent erstens ein omnipotenter Frauenverführer und zweitens ein knallharter Killer ist, bewegt sich empfindlich nah an der Schmerzgrenze von Fans, die auch Coppolas dezente Erzählweise an den ersten zwei Teilen schätzten.

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Michael jedenfalls nimmt Vincent unter seine Fittiche und erzieht den Heißsporn unter der Losung
„Ich brauche keine Schläger. Ich brauche Anwälte.“ zu einem kühlen Strategen um. Je abgeklärter
und souveräner Vincent wird, umso wohler scheint sich auch Garcia mit der Rolle zu fühlen. Dass er
sogar die Nachfolge als Familienoberhaupt antreten darf, kann als Spiegelung der Ereignisse im ersten Teil interpretiert werden: Sonny wollte der Don sein, war jedoch nicht beherrscht genug.

Michael wollte eigentlich mit den Familiengeschäften nie etwas zu tun haben, ist jedoch notgedrungen eingesprungen und war mit seiner eiskalten Methodik lange erfolgreich. Vincent als der „wiedergeborene Sonny“ bringt die Aggressivität seines Vaters mit und scheint nach dem Coaching seines Onkels sozusagen das beste beider Welten in sich zu vereinen. Doch ob er damit letztlich glücklich wird und die Familie beschützen kann? Oder führt Gewalt am Ende doch immer nur zu mehr Gewalt?

Schließlich bleibt aus der dritten Generation noch Michaels Sohn Anthony. Er entschließt sich gegen
das von Michael vorgesehene Jura-Studium und will stattdessen Sänger werden. Als solcher hat er
einen tollen Auftritt, in dem er das „Liebes-Thema“ des nach wie vor grandiosen Soundtracks zu Michaels Ehren mit einem italienischen Text vorträgt. Das war es aber auch schon. Noch schmuckloser wird der Sohn von Michaels Adoptivbruder Tom Hagen abgefrühstückt. Er will Priester werden und wird dank des gewaltigen Einflusses der Corleones direkt in den Vatikan berufen.

Dass Robert Duvall alias Tom Hagen nicht für den Film gewonnen werden konnte, ist wohl der empfindlichste Schwachpunkt des Projekts. Schließlich war Hagen, der nicht aus Zufall den Namen der treuesten literarischen Figur überhaupt trägt, nicht nur für den Autor des vorliegenden Textes die absolute Lieblingsfigur der „Pate“-Saga. Als Ersatz für den stillen aber genialischen Familien-Anwalt hat man Michael einen extrem blassen Rechtsberater (George Hamilton) an die Seite gestellt, dessen Name auch nur einmal kurz erwähnt wird.

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Damit wären wir aber bei der zweiten Generation angelangt. Hier punktet „Der Pate III“ am meisten,
denn die Veteranen liefern ab. Aus den genannten Gründen müssen wir auf Sonny, Tom und natürlich auch Fredo verzichten aber Al Pacino ruft als gealterter Michael nochmal sein ganzes Können ab – sei es in den lauten oder auch den leisen Momenten. Seine Beichte an Kardinal Lamberto gehört zu den großartigsten Szenen der gesamten Trilogie.

Al Pacino als Michael Corleone in Der Pate 3
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Beliebte Nebenfiguren bedeuten reichlich Fan-Service

Dann wäre da natürlich Michaels mittlerweile geschiedene Frau Kay Adams (Diane Keaton). Die unvergleichliche Dynamik zwischen Keaton und Pacino ist sofort wieder da. Echte Fans der Trilogie bemerken außerdem sofort den Blick, den Kay während Michaels Ehrung für dessen Leibwächter Al Neri übrighat. Denn natürlich ist ihr klar, dass Fredo am Ende des zweiten Teils nicht versehentlich vom Boot gefallen ist.

Coppola betreibt sogar reichlich Fan-Service und holt Neben-Charaktere wie Don Tommasino, Michaels sizilianischen Leibwächter Carlo oder Vegas-Showgröße Johnny Fontane wieder zurück auf die Leinwand. Den vielleicht beeindruckendsten Auftritt legt jedoch des Regisseurs Schwester Talia Shire als Michaels Schwester Connie hin. Sie ist am Ende der Charakter mit der wohl größten Entwicklung über alle drei Teile.

Angefangen als recht naive Tochter eines reichen Mannes, arbeitete sie sich über totale Ablehnung gegenüber Michael bis hin zur Akzeptanz und wird schließlich sogar die größte Hardlinerin der Familie. Im derartigen „Badass“-Modus ist sie es, die von Vincent Vergeltung in aller Konsequenz fordert.

„Badass“ Connie Corleone und der gruselige sizilianische Killer

Auf der anderen Seite steht noch eine Figur, bei der es einem kalt den Rücken runterläuft: Als letzten
Trumpf aktiviert die Geheimloge, die letztlich den Corleones ans Leder will, keine technischen
Gadgets, keine komplizierten Pläne und keine Elitesöldner, sondern beauftragt Mosca (Mario
Donatone), einen Killer über den es heißt, dass er niemals versagt.

Der untersetzte, ältere Mann lebt in einem abgeschiedenen sizilianischen Dorf, empfängt seine Gäste bei Brot und Olivenöl und sagt, ausschließlich auf Italienisch: „Nennen Sie mir einen Namen und ich nenne Ihnen einen Preis“. An Ressourcen verfügt Mosca über einen Schrank mit Verkleidungen und einen Gehilfen, der mit eigentümlichen Esels-Schreien Aufmerksamkeit erregt. So simpel das alles erscheint, so gruselig ist doch die Vorstellung, dass einer der mächtigsten Männer der Welt nicht sicher ist, wenn nur genug Boshaftigkeit im Spiel ist.

Mit diesen Worten soll eine wirklich enorm lange Besprechung beendet werden. Wer bis zum Ende
durchgehalten hat, der sei eingeladen, sich freitagnachmittags eine gute Flasche Wein und ein paar
leckere Käsesorten einzukaufen, sich einen Schluck Olivenöl in ein Schälchen zu füllen und Steinofenbrot hinein zu tunken… und sich dabei „Der Pate“ anzusehen. Alle drei Teile. Es lohnt sich, versprochen.

© YouToube
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