The Black Phone bietet eine düstere Prämisse und emotionalen Horror

The Black Phone bietet eine düstere Prämisse und emotionalen Horror

Genre: Horror / Thriller | Produktion: USA 2021 | Laufzeit: ca. 104 Minuten | Regie: Scott Derrickson

Mit: Ethan Hawke, Mason Thames, Madeleine McGraw, Jeremy Davies u.a


Inhalt: Denver, 1978. Teenager Finney (Mason Thames) und seine kleine Schwester Gwen (Madeleine McGraw) leben unter der ständigen Bedrohung durch ihren alkoholkranken Vater (Jeremy Davies). Als Finney das jüngste Opfer des örtlichen Kinderentführers “ Der Greifer“ (Ethan Hawke) wird, wacht er in einem kahlen Keller mit einem abgeschalteten Festnetztelefon auf. Eines Nachts beginnt es zu klingeln…

© Universal Pictures Germany

Wohin gehst du, wenn du dich verirrt hast? Wenn möglich, dann findet man den Weg nach Hause. In vielerlei Hinsicht ist dies der Weg, den der Filmemacher Scott Derrickson gewählt hat. Nachdem er während der Vorproduktion von Marvels Doctor Strange In The Multiverse Of Madness (möglicherweise durch ein leuchtend orangefarbenes Portal) gegangen war, und nachdem er die Figur in Doctor Strange aus dem Jahr 2016 erfolgreich auf die Leinwand gebracht hatte, befindet sich der Regisseur mit diesem Horror-Comeback nun wieder auf, sagen wir mal, Sinister-Gebiet.

Die Thematik ist extrem düster. Und Ethan Hawke in einer Hauptrolle. Sein langjähriger Co-Autor C. Robert Cargill ist wieder als Drehbuchautor tätig. Jason Blum als Produzent. Scott Derrickson ist wieder zu Hause. Nach seinem Ausflug in die Welt der millionenschweren Blockbuster ist The Black Phone für den Regisseur weniger ein Schritt zurück als vielmehr ein Film über einen Rückblick – auf das, was Heimat eigentlich bedeutet. Auf Derricksons eigenes Heranwachsen, auf die Faktoren (und Freundschaften), die uns zu dem formen, was wir sind.

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Das ideale Prisma, um diese Ideen zu erforschen, ist Joe Hills Kurzgeschichte, die aus seiner 2005 erschienenen Sammlung 20th Century Ghosts stammt. Das Ergebnis ist eine Adaption, deren düstere Prämisse und persönliche Dämonen sich zu einem überraschend warmen, hoffnungsvollen und – ja – gruseligen Film zusammenfügen.

(von links) Finney Shaw (Mason Thames) und Gwen Shaw (Madeleine McGraw) in The Black Phone,
(von links) Finney Shaw (Mason Thames) und Gwen Shaw (Madeleine McGraw) in The Black Phone, von Scott Derrickson.

Eine bedrohliche Hommage an das Denver der 70er Jahre

Derrickson hat im Zusammenhang mit The Black Phone viel über seine eigene Kindheit gesprochen, denn er wuchs in einem schäbigen, von Gewalt geprägten Viertel im Denver der 70er Jahre auf. Es war eine Zeit, in der es nicht nur um körperliche Disziplinierung durch die Eltern und blutige Schlägereien zwischen Kindern im Hinterhof ging, sondern in der auch das Schreckgespenst Ted Bundy (der zu dieser Zeit mehrere Morde in Colorado beging) sein Unwesen trieb.

All diese Einflüsse umkreisen die zentrale Figur des Films: Finney – großartig gespielt von Mason Thames bei dessen Leinwanddebüt. Er ist ein Fast-Teenager, der im schmuddeligen Denver der 70er Jahre aufwächst, wo sein alkoholkranker Vater regelmäßig seinen Gürtel als Prügelwerkzeug schwingt, Schläger an jeder Ecke auf ihn lauern und die örtliche Legende vom Kinderfänger “ Der Greifer“ eine allgegenwärtige Bedrohung der Entführung darstellt. Schon bevor er im Keller des „Greifers“ gefangen gehalten wird, bewegt sich Finney im Schatten der Gefahr.

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Derricksons Film verbringt eine angemessene Zeit in der Außenwelt, bevor er seine Hauptfigur in nackten Betonwänden gefangen hält – und ruft dabei Zeit und Ort mit Linklaters Fähigkeit hervor, Erinnerungen in Filmszenen zu verwandeln. Auf dem Soundtrack erklingt 70er-Jahre-Rock (Free Ride von The Edgar Winter Group erinnert unweigerlich an Confusion – Sommer der Ausgeflippten), es fliegen Raketen in die Luft, und Kinder prahlen auf dem Klo damit, dass sie The Texas Chain Saw Massacre“ gesehen haben.

Brady Hepner und Shaw (Mason Thames) in The Black Phone,
(from left) Vance Hopper (Brady Hepner) and Finney Shaw (Mason Thames) in The Black Phone, von Scott Derrickson
© Universal Pictures Germany

Nostalgie und Bösartigkeit werden geschickt heraufbeschwört

Alles fühlt sich an wie eine liebevolle Hommage – aber diese Wärme steht Seite an Seite mit der allgegenwärtigen Bedrohung durch körperliche und emotionale Qualen und Geschichten von Jungen, die mithilfe von schwarzen Luftballons verschwinden, welche am Tatort zurückgelassen werden. Derrickson beschwört sowohl die Nostalgie als auch die Bösartigkeit mit Geschick herauf, wobei das eine das andere nicht ausschließt.

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Sobald der Greifer Finney in seinen schwarzen Van verfrachtet hat, beginnt der Film mit seiner zentralen Idee: Die ehemaligen Opfer des Mörders können über ein defektes Festnetztelefon, das an der Kellerwand befestigt ist, aus dem Jenseits mit dem Jungen sprechen. Hier erscheint The Black Phone wie die düsterste Version eines bekannten ambitionierten Films (ja, düsterer als ES), denn die Geister der Kinder rufen an, um Finney zu helfen, einem ähnlichen Schicksal zu entgehen.

Hawke, in einer der seltenen Bösewicht-Rollen (wenn auch seine zweite in diesem Jahr, nach Moon Knight), gibt eine beängstigende und faszinierende physische Performance ab. Und da sein Gesicht fast den ganzen Film über maskiert ist, sind es seine Präsenz (manchmal dominant, manchmal spielerisch, immer gruselig) und seine Stimmführung, die am meisten beeindrucken.

Er wechselt die oberen und unteren Teile seiner Maske mit dem Teufelshörnchen wie bei einer abgefuckten psychologischen Übung aus – er setzt Stirnrunzeln auf, das sich eher wie ein Knurren anfühlt, oder ein bösartig triefendes Grinsen. Manchmal zeigt er seine Augen oder den ganzen Mund. Hawke wird eins mit diesen Masken, die perfekt an seine Gesichtskonturen angepasst sind. Es fällt schwer, wegzuschauen.

Ethan Hawke mit Maske als Der Greifer in The Black Phone
Ethan Hawke als Der Greifer in The Black Phone, von Scott Derrickson. © Universal Pictures Germany

Entführung. Tote Kinder. Gefangenschaft.

Die effektiven Schocks und Schreckmomente von The Black Phone dürften die Massen abschrecken, die im Sommer auf der Suche nach einem reinen Gruselfest sind, aber es ist das Grauen, das am deutlichsten spürbar ist. Das unheimliche Gefühl des Wartens auf die Gewalt, sei es bei Finneys Versuchen, aus dem Keller des Greifers zu entkommen, oder wenn er die Wut seines Vaters befürchtet.

Und die Rettung aus all dem ist die Verbundenheit: mit den verweilenden Geistern der anderen Kinder oder mit Finneys übersinnlicher Schwester Gwen (Madeleine McGraw, ebenfalls ausgezeichnet), die im Super-8-Format träumt und das vielleicht größte filmische Gebet des Jahres 2022 spricht: „Jesus: What the fuck?!“

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Trotz gelegentlicher tonaler Fehltritte – James Ransones kurze Nebenrolle Max, der seine eigenen Ermittlungen in Sachen Greifer durchführt, wirkt deplatziert – schafft es The Black Phone, ein Mainstream-Genrefilm zu sein, der sich auch sehr persönlich und leidenschaftlich anfühlt. Es ist Horror, der mit viel Herz vorgetragen wird. Willkommen zu Hause, Scott.

Fazit: Trotz seiner mehr als düsteren Prämisse – Entführung! Tote Kinder! Gefangenschaft! – findet The Black Phone Hoffnung inmitten des Grauens. Ihr sucht diesen Sommer nach emotionalen Gruselfilmen? Dann nehmt den Anruf entgegen. Film Bewertung: 8 / 10

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